Cannabiskultur Deutschland

Das Argument einiger Prohibitionisten, Cannabis gehöre nicht zur Kultur Deutschlands und kann deshalb auch verboten sein (bleiben), ist nicht nur ein tief faschistisches und rassistisches Statement, sondern geschichtlich betrachtet völlig falsch.

Die Angaben, seit wann Hanf in Deutschland angebaut wird, variieren sehr stark. Einige Quellen behaupten, dass bereits vor 12.000 Jahren Hanf in großem Stil vor allem in Thüringen angebaut wurde. Sicher ist, dass bereits vor 5.000 Jahren Cannabis zu industriellen und medizinischen Zwecken in Deutschland im großen Stil angebaut wurde.

Thüringen erlebte durch den intensiven Anbau von Hanf einen enormen Wohlstand, von dem vor allem das kulturelle Weimar profitiert hat. Thüringer Hanf war ein Verkaufsschlager. Vor allem in der Zeit der Kolonialisierung, als viele Schiffe gebaut werden mussten, die Segel, Taue und Seile benötigten, belieferte Thüringen die Seeflotten mit den entsprechenden Materialien aus Hanf.

Sogar in Bayern, wo seinerzeit auch Hanf angebaut wurde, war der Thüringer Hanf bevorzugt. Der bayrische Hanf war kratzig und eignete sich nur wenig für die traditionellen Trachten. Die Thüringer waren technisch in der Lage, sehr feines und glattes Hanfgewebe herzustellen. Deshalb war die Textilien aus Thüringen hautfreundlicher und angenehmer zu tragen. Trachten aus bayrischen Hanf waren für das gemeine Volk, die Eliten trugen Trachten aus Thüringer Hanf.

Die Thüringer Textilindustrie profitierte von den Geschäften mit Hanf bis zur Wende im Jahre 1998. Erst durch die Wiedervereinigung Deutschlands ging die Thüringer Textilindustrie ihrem Ende entgegen, weil die ostdeutschen Betriebe im Vergleich zu den westlichen Produzenten nicht effizient genug waren.

Von der Weimarer Klassik bis hin zur Weimarer Republik war die Europäische Kulturstadt Weimar sozusagen das „Amsterdam des Ostens“. Viele Künstler zog es nach Weimar. Einige von ihnen waren passionierte Kiffer. Damals galt Knaster (getrocknete Hanfblüten) als der „Tabak der Armen“. Tabak war noch sehr teuer und nur wenige konnten ihn sich leisten. Knaster, gewissermassen ein Abfallprodukt der damaligen Hanfindustrie, war vergleichsweise sehr preiswert.

Zwar hat Knaster mit seinem THC-Anteil von 3 % bis 5 % nicht wirklich geknallt. Da Knaster aber den ganzen Tag über in Pfeifen in extrem großen Mengen geraucht wurde (es war ja billig), ist davon auszugehen, dass sich den Tag über eine durchaus berauschende Menge im Blut ansammeln konnte, der spätestens gegen Abend zu einer angenehmen Nachtruhe führte.

Allerdings war Knaster nicht das einzige Cannabis-Produkt auf dem Markt. Es gab damals schon medizinisches Cannabis und sogar importiertes Haschisch rezeptfrei in Apotheken. Gemischtwarenläden durften zwar Knaster verkaufen, aber kein medizinisches Cannabis, das war den Ärzten und Apotheken vorbehalten. Man muss allerdings dazu sagen, dass auch Marzipan zu dieser Zeit ein apothekenpflichtiges Produkt war. Marzipan galt als Medizin, nicht als Genussmittel und durfte nur in Apotheken zum Verkauf angeboten werden.

Im Schlosspark Belvedere zu Weimar ist heute noch das Lusthaus von Johann-Wolfgang von Goethe zu bewundern. Hier fanden Wissenschaftler Keramikpfeifen des Dichter und Denkers, in denen Cannabisreste forensisch sicher gestellt werden konnten, die wohl einen THC-Gehalt von 8 % bis 12 % beinhalteten. Diese Tatsachen verschweigt unser Schulsystem gerne im Geschichts- und Deutschunterricht.

Von dem Dichter und Philosophen Friedrich Nietzsche stammt das Zitat: „Wenn man von einem unterträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nöthig“. Die Weimarer Apotheker tratschten sogar öffentlich über die Gewohnheiten des damals schon umstrittenen Denkers.

Ähnlich verhielt es sich mit dem deutschen Komponisten Richard Wagner, der ebenfalls zu Zeiten Goethe, Schiller und Nietzsche in Weimar weilte, allerdings als Wirtschaftsflüchtling. Er war zu jener Zeit hoch verschuldet und fand bei der Freiherrin von Stein ein Auskommen. Seine Zimmerfrau tratschte ebenfalls über den „süßlichen Geruch, den der Herr Wagner immer in der ganzen Wohnung verströmte“.

Im Grund genommen kann man festhalten, dass die Ideen und Konzepte der Weimarer Republik, also der ersten Deutschen Demokratie, aus den Rauchwolken von Cannabis entstanden. Es waren die für die damalige Zeit revolutionären und freiheitlichen Ansätze, die heute unsere Demokratie prägen. Dieses zarte Pflänzchen der freiheitlichen Rechtsstaatlichkeit wurden dann Ende der 1920er Jahre durch die Nazis zerstört.

Goethes Baum im Buchenwald, unter dem Johann-Wolfgang saß und unermesslich berührende Gedichte schrieb, wurde von den Nazis umgesägt und das Konzentrationslager Buchenwald darauf errichtet. Daraus lässt sich ableiten, dass die Nazis mit dem Freiheitsdenker Goethe so ihr Problem hatten.

Weniger problematisch erschien dabei die Nähe zu Wagner, der den Nationalsozialismus ideologisch durchaus befeuerte. Das Wagner ein Kiffer war, verschleierten die Nazis geschickt. Denn aus Sicht der Nazis war Cannabis eine Droge der minderwertigen Rassen. Sie nahm den Soldaten den Kampfgeist und führt zu Disziplinlosigkeit gegenüber Obrigkeiten.

Der Rassist Anslinger (US Repuplikaner)

Die Nazis in Deutschland waren dabei mit den Faschisten der USA (Republikaner) sehr auf einer Linie. Der damalige Leiter des Federal Bureau of Narcotics (vorläufer der DEA) Harry J. Anslinger war bekennender Rassist und trieb mit verschworenen Interessensgruppen aus Wirtschaft und Industrie die weltweite Ausrottung der Nutzpflanze Hanf voran. Das gefiel auch den deutschen Faschisten.

Man darf dabei nicht übersehen, dass einige der Top-Nazis (Himmler, Goebbels, Speer, wahrscheinlich auch Hitler selbst) abhängig von Morphium waren. Morphium steigert bei längerem Gebrauch das Aggressionspotential und führt bereits nach kurzem Konsum, ähnlich wie Kokain, zu maßloser Selbstüberschätzung.

Zeichnung aus der Lustigen Hanffibel

1942 blieb den Nazis nichts anderes übrig, als Cannabis wieder zu legalisieren. Dem Deutschen Volke wurde sogar befohlen, Hanf anzubauen. Der Hanfanbau sei Pflicht des Deutschen Bürgers am Vaterlande. Hierzu veröffentlichte die NSDAP sogar die „Lustige Hanffibel“ und verteilte sie an das Volk.

Wie kam es zu diesem Sinneswandel? Die Kriegsmaschinerie brauchte Hanf, nachdem die Versorgung mit Rohstoffen durch den Krieg nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Die Uniformen der Soldaten aus Baumwolle hielten nichts aus. Zudem war es zunehmend schwieriger geworden, Baumwolle aus den USA zu importieren.

Baumwolle wurde aber nicht nur für Textilien verwendet, sondern auch für Sprengstoff und zur Herstellung von Schießpulver für Projektile. Hanf eignet sich genauso gut zur Herstellung von Sprengstoff. Zudem brauchten viele mechanische Teile der Kriegswaffen spezielle Schmierstoffe, die ebenfalls aus Hanföl hergestellt werden können.

Flugblatt der Haschrebellen

Nach dem Krieg hat Deutschland einfach 25 Jahre lang „übersehen“, dass Cannabis aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges weiterhin legal ist. Das fiel erst auf, als sich in den späten 1960er Jahren linke Intellektuelle formierten, die aus Solidarität mit den wegen ihres Haschkonsums verfolgten Schwarzafrikanern in den USA, Haschisch für sich selbst entdeckten und sich sogar selbst als „Haschrebellen“ bezeichneten.

Einer dieser Haschrebellen war Rudi Dutschke, der auf einer öffentlichen Demonstration von einem Polizeibeamten erschossen wurde. Dieses Ereignis war der Startpunkt einer rebellischen, links orientierten Bürgerbewegung, aus der letzten Endes auch die Grüne Partei hervorging. Diese Bürgerbewegung nahm die mehrheitlich rechte politische Elite als Bedrohung ihres Machtgefüges wahr.

Um sich der Bedrohung zu entledigen, „erinnerte“ sich die damalige Bundesregierung an das Cannabis-Verbot, dass in Deutschland bis 1942 Gültigkeit hatte und führte die Prohibition erneut ein. Die sog. Haschrebellen wurden damit von heute auf morgen in die Illegalität getrieben. Dort angekommen formierten sie sich zur Roten Armee Fraktion (RAF) und wurden ab dann zu einem richtigen Problem für die deutsche Gesellschaft.

Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt: Hätte es die RAF und ihre grausamen Attentate je gegeben, wenn Deutschland den Haschrebellen nicht das Haschrauchen verboten hätte? Sicher ist jede Antwort auf diese Frage spekulativ, aber eines dürfte sicher sein: Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich nochmal so ungeniert. Wenn ich schon kriminalisiert werde, dann bitte richtig.

Auch in den darauffolgenden 50 Jahren bis heute hat sich an der Cannabis-Kultur in Deutschland wenig geändert, nur dass sie eben von nun ab im Untergrund statt fand. Nahezu alle Musikrichtungen, von Jazz über Reggae hin zu Techno, Trance, House und Hip Hop sind stark durch Drogen, vor allem aber durch Cannabis geprägt. Es wurde einfach nur nicht mehr laut darüber gesprochen.

Für die rebellische Jugend bot das Cannabis-Verbot eine hervorragende Gelegenheit, sich ein „kriminelles Image“ zuzulegen, dass gleichzeitig aber akzeptiert ist. Ein Kiffer tut ja niemanden etwas, man muss keine Angst vor ihm haben, trotzdem gilt er als Kriminell. Billiger kommt die provokante Jugend gar nicht an ein provokatives Rebellen-Image. Und Provokation ist der Jugend Pflicht.

Trotz aller jährlich ansteigenden Anstrengungen der Regierungen in den letzen 50 Jahren ist der Markt für Cannabis nicht gesunken, sondern kontinuierlich gestiegen. Immer stärker wurde der Fahndungsdruck, der mit einem immer größer werdenden Schwarzmarkt einherging.

Die Einnahmen des Schwarzmarktes ermöglichten es den kriminellen Organisationen, technisch und personell zu investieren. Waffen, Rechtsanwälte und Söldner konnten von den Gewinnen finanziert werden, so dass in manchen Ländern Drogenbarone sogar politische Macht erlangten und so für die Ermittlungsbehörden unerreichbar wurden.

Wer sich zur Aufgabe macht, zwei Stahlkugeln übereinander zu stapeln, wird spätestens nach dem dritten Versuch aufgeben, weil der Lösungsansatz nicht funktioniert. Besonders intelligente Menschen unternehmen erst gar nicht den Versuch. Dumme Menschen erkennt man daran, dass sie es immer wieder versuchen und scheitern. Die Drogenpolitik ist eine fünfzigjährige Geschichte des Scheiterns dummer Politiker.

Cannabis gehört mehr zur Kultur Deutschlands als jede andere Droge. Bier wurde beispielsweise erst vor 2.500 Jahren in Ägypten erfunden. Gerste wurde versehentlich vergoren und die Ägypter stellten fest, dass die vergorenen Flüssigkeit keimfreier ist, als das Wasser aus dem Nil. Zudem wirkte der geringe Alkoholgehalt motivierend auf die Arbeitsleistung der Sklaven. Also verabreichten die Ägypter seinen Sklaven Bier um sie gesund und bei Arbeitskraft zu halten und sie zu der harten Arbeit zu motivieren.

Die Bayern sind auf dieses Sklavengetränk besonders stolz und denken, es wäre Teil ihrer Kultur. Schön blöd. Dabei könnte in Bayern der weltweit größte Hopfenanbau (Holledau) viel lukrativer und gesünder in den Cannabisanbau überführt werden. Aber wollen das die Brauereien auch? Fest steht: Cannabis wird auch in Bayern doppelt so lange konsumiert wie Bier und ist deshalb doppelt so viel Kulturgut wie die auf Bierkonsum angewiesene Folklore.

Wer mit diesem Geschichtsbewusstsein immer noch behauptet, Cannabis würde nicht zur deutschen Kultur gehören, ist ein Faschist und ein Dummkopf gleichermaßen. Cannabis hat die deutsche Kultur nicht nur begleitet, sondern maßgeblich geprägt. Mehr, als dies dem Alkohol und Tabak gelungen wäre.

Ich glaube aber, dass die Prohibition geschichtlich auch ihr Gutes hatte. Sie hat die Community der an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Cannabis-Freunde gestärkt und Cannabis hat sich trotz aller Restriktionen gegen faschistisches Gedankengut letzten Ende durchgesetzt.

Ob Cannabis aber nun tatsächlich zur Deutschen Leitkultur gezählt wird oder nicht, darf auf keinen Fall in einer offenen, toleranten, liberalen und diversifizierten Gesellschaft darüber entscheiden, ob ethnische Minderheiten und politisch Andersdenkende wegen Cannabiskonsums diskriminiert und kriminalisiert werden dürfen.

4 Replies to “Cannabiskultur Deutschland”

  1. I was just chatting with my coworker about this today at Outback steak house. Don’t remember how in the world we landed on the topic in reality, they brought it up. I do recall eating a exceptional fruit salad with cranberries on it. I digress

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